Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Dezember 2020

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 10.-16. Dezember 2020 um 18 Uhr sollte laufen, wurde aber verschoben auf Februar 2021 (die genauen Spieldaten folgen, sobald halbwegs Planungssicherheit besteht)


Pension Boulanka

DDR 1964 – 101 Min. (2757 m) – 35 mm (1:1,33) Schwarzweiß

Regie: Helmut Krätzig. Drehbuch: Kurt Bortfeldt, Helmut Krätzig. Frei nach dem Roman „Künstlerpension Boulanka“ von Fritz Erpenbeck. Kamera: Hans Heinrich. Szenenbild: Hans Poppe, Heinz Leuendorf. Musik: Wolfgang Pietsch. Kostüme: Helga Scherff. Masken: Günter Hermstein, Inge Merten. Ton: Horst Mathuschek. Schnitt: Christel Röhl. Regieassistenz: Bärbel Englberger. Kameraassistenz: Dieter Jäger, Horst Blümel. Aufnahmeleitung: Wolfgang Bertram, Dieter Krüger.

Darsteller: Erika Pelikowsky (Pensionsinhaberin Boulanka), Christine Laszar (Frau Sievers), Peter Herden (Jan Gruyter), Herwart Grosse (Clown Ulf), Herbert Köfer (Colanta), Horst Weinheimer (Hauptmann Brückner), Harry Pietzsch (Oberleutnant Becker), Ingolf Gorges (Leutnant Lorenz), Bärbel Bolle (Gina), Karin Schröder (Alti), Doris Weikow (Lore), Otto Mellies (Robert), Erik Veldre (Hans Wolter), Ursula Braun (Else Päschke), Peter Dommisch, Hans-Edgar Stecher (Bruno), Elsa Grube-Deister (Hausmädchen), Hans Knötzsch (Inspizient), Werner Dissel (Dr. Vollmer), Karl-Heinz Weiß (Leutnant Brehm), Agnes Kraus (Anna Böhme), Gudrun Vogt (Gritt), Emöke Pöstenyi (Tessi), Wolfgang Pietsch (Komponist), Elke Rieckhoff (Callgirl), Fritz Hofbauer (Husum), Kurt Böwe (Verfolger), Gerd Ehlers (Passant), Horst Schäfer (auslän­­­­di­­sches Ehepaar), Regina Krupkat (ausländisches Ehepaar), Willi Neuenhahn (Barkeeper), Günther Polensen (Kriminalbeamter), Fritz Behm (Sänger), Bruno Carstens (Leutnant Born), Dietlinde Greiff (Vorführerin), Die Rasantos (Artisten: Rollschuh­­schleuderakt), Dorantos (Artisten: Pudelnummer), Gitta Elsis & Co. (Arti­sten: Jongleure), Gandoras (Artisten: Trampolinnummer), Siegfrieds (Artisten: Stirnakrobatik), Trio Bedini (Artisten: Ikarier), 2 Simeks (Artisten: Equilibristik), Jack und Web (Artisten: Exzentrische Kaskadeure), 1 ½ Siggis (Artisten: Schulterakrobatik), Bill Terry und Cora (Artisten: Peitschenspiele, Messerwerfen), Mr. Maleur (Artisten: Musikclown).

Es tanzt eine Ballettgruppe des Friedrichstadtpalastes.

DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe 60. Produktionsleitung: Werner Liebscher.

Erstverleih: Progress.

Premiere: 3. Dezember 1964, Berlin, Kosmos.

Erstausstrahlung: 1. Mai 1966, 21.20 Uhr, Deutscher Fernsehfunk.


Fritz Erpenbeck war Journalist und Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, engagierter Kommunist und Funktionär. Auf seine alten Tage widmete sich der 1897 Geborene dem damals in Deutschland eher etwas vernachlässigten Genre des Kriminalromans.

Seine erste derartige Arbeit, „Künstlerpension Boulanka“, erschien 1964 als Buch in der „Gelben Reihe“ des Verlags Das Neue Berlin, nachdem er kurz zuvor schon als Fortsetzungsroman in der auflagenstarken Publikumszeitschrift „Wochenpost“ zu lesen war. Noch im gleichen Jahr machte sich die DEFA daran, die Story zu einem Film zu verarbeiten – für den allerdings diverse Details verändert wurden, einschließlich des Tatmotivs und des Täters.

Schließlich bemühte sich der staatliche Filmbetrieb seinerzeit, der auch in der DDR wachsenden Konkurrenz durch das Fernsehen mit ansprechender Unterhaltungs­ware zu begegnen und insbesondere die Defizite in der Produktion von Genrefilmen auszugleichen. 

Erpenbecks Stoff rund um einen Mord, Intrigen und finstere Geheimnisse in einer renommierten Ost-Berliner Künstlerpension war attraktiv, weil er im Milieu weltgewandter, international tätiger Artisten angesiedelt war. In den Film wurden denn auch diverse Varieténummern eingebaut und ein vermeintlicher Blick in diese dem Durchschnittsbürger exotisch und aufregend anmutende Welt gewährt.

Selbstverständlich kam das Böse auch hier aus dem Westen – wie stets im Film- und Fernsehkrimi der ersten beiden DDR-Jahrzehnte: Wenn nicht direkt (was nach dem Mauerbau nur noch begrenzt möglich war und auch die offizielle Legitimation des angeblichen „Schutzwalls“ untergraben hätte), dann verdarb der „Klassenfeind“ die sozialistische heile Welt durch Beeinflussung „weltan­schau­lich“ und damit natür­lich auch moralisch nicht gefestigter DDR-Bürger. Erst um 1970 begann eine Abkehr von diesem Schema, das zunehmend unglaub­würdig geworden war, und in Krimis durften „DDR-originäre“ Verbrechen gezeigt (und selbstredend von den „Organen“ stets aufgeklärt) werden.

„Pension Boulanka“ war eine der ersten Regiearbeiten von Helmut Krätzig (1933-2018), der hier auch am Drehbuch beteiligt war. In den Folgejahren ent­wickel­te er sich zum vielleicht meistbeschäftigten Krimiregisseur der DDR – der jedoch bezeichnenderweise nahezu ausschließlich fürs Fernsehen tätig war.


Unseren Flyer zu dieser Rarität finden Sie demnächst an dieser Stelle. Sie dürfen ihn dann gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu dem Film hier und hier.






Quelle der filmographischen Angaben: Produktionsjahr, Filmlänge, Filmformat, Darsteller ab Werner Dissel und Figurennamen: https://www.defa-stiftung.de/filme/filmsuche/pension-boulanka/ (besucht am 18.11.2020), dort werden außerdem genannt: Dramaturgie: Margot Beichler, Requisite: Theo (auch: Theodor) Görgens, Beratung (Artistik): Paul Heerdegen. Premiere: Berliner Zeitung vom 27.11.1964. Erstausstrahlung: Neue Zeit (Berliner Ausgabe) vom 23.4.1966. Alle anderen Angaben: Originalvorspann.

Bilder: DEFA-Stiftung/Horst Blümel.