Rarität des Monats April 2026
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Am 6. April 2026 (Ostermontag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):
Ein Lord am Alexanderplatz
DDR 1966/1967 – 111 Min. (3055 m) – 35 mm (1:1,33) – Schwarzweiß
Regie: Günter Reisch. Drehbuch: Kurt Belicke, Günter Reisch. Szenarium: Kurt Belicke. Kamera: Jürgen Brauer. Schnitt: Monika Schindler. Szenenbild: Alfred Thomalla. Dramaturgie: Maurycy Janowski. Musik: Gerd Natschinski. Ton: Christfried Sobczyk. Kostüm: Dorit Gründel. Maske: Alois Strasser, Ursula Funk, Irmgard Lippmann. Regieassistenz: Heinz Mentel, Christoph Prochnow. DEFA-Fotografen: Erhard Schweda, Heinz Wenzel. Aufnahmeleitung: Kurt Lichterfeldt, Werner Pfeifer, Klaus Hildebrand.
Darsteller: Erwin Geschonneck (Ewald Honig), Angelica Domröse (Ina), Monika Gabriel (Johanna Farkas), Armin Mueller-Stahl (Dr. Achim Engelhardt), Marianne Wünscher (Frau Müller), Erika Dunkelmann (Frau Schlosser), Carola Braunbock (Frau Holzmeyer), Friedo Solter (Hauptmann Pahl), Willi Narloch (Koffer-Ede), Hannes Fischer (Dr. Schießer), Willi Schwabe (Dr. Härtel), Ivan Malré (Günti Schwalbe), Jürgen Reuter (Wolfgang), Joachim Bober (Leutnant Liebrecht), Edwin Marian (Pisurschke), Herbert Köfer (Kollege Lenz), Hans Hardt-Hardtloff (Tankwart), Heinz Scholz (Kfz-Mechaniker), Ernst-Georg Schwill (Kfz-Mechaniker), Gerd E. Schäfer (Fotograf), Ralph Borgwardt (Richter), Gertrud Brendler (Anna Vogel), Thea Elster (Frau Schwalbe), Dorothea Volk (Frau Härtel), Barbara Dittus (Sprechstundenhilfe), Joachim Tomaschewsky (Westbesucher), Myriam Sello-Christian (Westbesucherin), Hans-Edgar Stecher (Fahrer von Pahl), Otmar Richter (Volkspolizist), Rudolf Kirchhoff (Volkspolizist), Karin Waterstraat (Sekretärin von Pahl), Traute Sense (Dame), Detlev Witte (Volkspolizist), Wolf Goette (englischer Lord), Krista-Sigrid Lau (Bankangestellte), Ursula Mundt (Bankangestellte), Sabine Thalbach (Angestellte), Sonja Hörbing (Frau Pahl), Alexander Papendiek (Polizist), Aurora Pan (Dame), Horst Günter Fiegler (ein Herr). Sprecher: Rolf Ripperger.
Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe „Johannisthal“. Produktionsleitung: Fried Eichel.
Erstverleih: Progress.
Uraufführung: 3. März 1967, Berlin, Kosmos.
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre herrschte bei der DEFA größte Verunsicherung: Im Gefolge des 11. Plenums des ZK der SED (dem „Kahlschlagsplenum“), das kurz vor Weihnachten 1965 stattgefunden hatte, war ein Großteil der aktuellen Spielfilmproduktion in den Giftschrank gewandert (aus dem sie erst 1989/90, nach dem Zusammenbruch der Diktatur, wieder freikam).
Die lustspielerprobten Autoren Günther Reisch und Kurt Belicke wagten sich dennoch an diesen Stoff, eine Gauner-Tragikomödie aus dem Ost-Berlin der damaligen Gegenwart: Erwin Geschonneck spielt darin einen frisch aus dem Westen zu seiner erwachsenen Tochter nach Ost-Berlin übergesiedelten Ex-Heiratsschwindler (bewußten „Lord“). In seiner neuen Heimat möchte er endlich ehrlich werden, muß jedoch feststellen, daß die junge Frau, die von ihm lange vernachlässigt wurde (Angelica Domröse), seine kriminelle Energie geerbt hat. Nun durchkreuzt er ihre Versuche, sich mit Hilfe wohlhabender älterer Männer (die in der Regel bereits verheiratet sind) das Leben zu versüßen, sieht sich aber zugleich durch ältere Damen, die des Alleinseins müde sind, neuen Versuchungen ausgesetzt.
Parallel entwickelt sich die Geschichte eines deutschen Kriminalpsychologen und seiner ungarischen Kollegin auf Berlin-Besuch, die den beiden auf der Schliche sind, sich aber lange Zeit gegenseitig für den bzw. die Gesuchte/n halten. Entsprechend lange brauchen sie, um auch privat zueinanderzufinden. In diesen Rollen: Armin Mueller-Stahl und Monika Gabriel, die damals miteinander verheiratet waren.
Berlin-geschichtlich ist der Film auch interessant, weil er zeigt, wie die Gegend rund um den Alexanderplatz zu jener Zeit gerade kahlgeschlagen wurde, um ein Stadtzentrum wie aus dem Lehrbuch des modernen Städtebaus (also mit dem von Staats- und Parteichef Ulbricht gern postulierten „Weltniveau“) zu errichten – und mit welcher Begeisterung dafür abgerissen und gesprengt wurde, was den Krieg überstanden hatte.
Wir zeigen den Film anläßlich des 85. Geburtstags von Angelica Domröse, den diese am 4. April feiern kann. Ein weiteres Werk, in dem sie eine Hauptrolle spielte, präsentieren wir nochmals am Montag, 20. April 2026 um 17.30 Uhr: Richard Groschopps gesellschaftskritisches Drama Entlassen auf Bewährung, das 1965 wohl nur deshalb einem Verbot entging, weil es schon damals unter schätzt wurde und aus den Kinos heraus war, als das 11. Plenum stattfand.
Unser Flyer zu der erstmals präsentierten Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu diesem Film hier, hier und hier.
Der Film läuft auch als Hinweis auf die neue Reihe „Von Halbstarken bis Hippies – Jungsein in den 50er und 60er Jahren“, die am 30. März 2026 um 17.30 Uhr im Cosima-Filmtheater fortgesetzt wird mit „Himmel ohne Sterne“.
Der Film hat Wortwitz, enthält etliche Anspielungen und erfreulicherweise auch
komische Einfälle, die nur vom Bild her leben.
Manfred Jelenski, Berliner Zeitung vom 7. März 1967
Quellen der filmographischen Angaben: https://www.filmportal.de/film/ein-lord-am-alexanderplatz_69d4d23a9e3244848960e7de66b4a826 (zuletzt besucht am 23.3.2026), https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/ein-lord-am-alexanderplatz/ (zuletzt besucht am 23.3.2026).
Photos: DEFA-Stiftung/Erhard Schweda, Heinz Wenzel.
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