Rarität des Monats Oktober 2018
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Ein Polterabend
DDR 1954/1955 – 86 Min. (2160 m) – 35 mm (1:1,33) – Farbe
Regie: Curt Bois. Drehbuch: Nach der neuen Alt-Berliner Posse von Werner Bernhardy, für den Film bearbeitet von Curt Bois und Werner Bernhardy. Musik: Paul Strasser. Musikalische Bearbeitung und Leitung: Günter Klück mit dem DEFA-Symphonie-Orchester. Kamera: Robert Baberske. Bauten: Rochus Gliese. Ausführung: Willi Schäfer. Guckkastenbild und Zeichnungen: Heinz Pfeiffenberger. Kostüme: Walter Schulze-Mittendorff. Masken: Fritz Hartmann, Lydia Braatz. Schnitt: Lena Neumann. Ton: Karl Tramburg, Johanna Lindner. Kameraführung: Hans Hauptmann. Kameraassistenz: Günter Marczinkowski. Regieassistenz: János Veiczi, Heinz Bonacker. Aufnahmeleitung: Toni Chudzinski, Dieter Dormeier, Otto Ziesenitz.
Darsteller: Werner Peters (Vizegefreiter Pippich), Hella Ferstl (Adele Peroni), Rolf Moebius (Brennglas), Charlotte Brummerhoff (Baronin von Dunklage), Paul Heidemann (Excellenz von Presskopp), Gerhard Bienert (Rentier Buffey), Harry Gillmann (Friedrich), Willy A. Kleinau (Guckkastenmann), Eva Brumby (Rieke), Johannes Maus (Pulecke), Ellinor Vogel (Eleonore Dusche), Josef Burgwinkel (Intendant) , Trude Lehmann (Frau Proppen), Martin Rosen (Proppen), Marianne Wünscher (Tochter Proppen), Herbert Köfer (Rittmeister von Blötzow), Maximilian Larsen (Friedrich Wilhelm IV.), Barbara Berg (Guste), Eckart Friedrichson, Charles H. Vogt (Mann mit Bart), Karl Weber (A. Ph. Reclam), Reinhold Pasch (Weichenhahn), Fr. Peter Höffner, Ludwig Trautmann, Leo Sloma (Requisiteur), Paula Ronay, Fredy Barthen, Aribert Grimmer (Lokführer).
Produktion: DEFA. Produktionsleitung: Harry Studt.
Erstverleih: Progress.
Uraufführung: 19. August 1955, Berlin, Babylon und DEFA-Filmtheater Kastanienallee.
Erstausstrahlung: 19. August 1955, Versuchsprogramm des Fernsehzentrums Berlin.
Curt Bois (1901-1991), der seine Karriere 1908 als Kinderstar im Charlottenburger Theater des Westens begann, war einer der bedeutendsten deutschen Charakterkomiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Max Reinhardt, Heinz Hilpert, Bertolt Brecht, Fritz Kortner und Ruth Berghaus waren nur einige der Theatergrößen, die ihn schätzten und für ihre Inszenierungen verpflichteten. Im Film konnte der Berliner nur viel zu wenige Spuren hinterlassen und bloß einmal bei einer abendfüllenden Produktion Regie führen: „Ein Polterabend“ entstand 1954/1955 bei der DEFA nach dem gleichnamigen Frühwerk von Werner Bernhardy, der mit Bois auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete und sich zu einem erfolgreichen Autor volkstümlicher Theater- und Fernsehstücke entwickelte.
Angesiedelt im leider nicht mehr sehr revolutionären Berlin des Jahres 1849, dreht sich die zeitkritische Komödie um den berühmten Schriftsteller und Journalisten Adolf Glaßbrenner (hier nach seinem Pseudonym „Brennglas“ genannt) und einige seiner Figuren: Der von der Obrigkeit verfolgte Satiriker möchte seine geliebte Adele heiraten, die ihn aber unmöglich machen würde, nähme sie das ihr aus ebendiesem Grunde aufgedrängte Engagement am Hoftheater an. Eine wichtige Rolle spielen in der turbulenten Handlung auch der gerade durch ein Aktiengeschäft in den Ruin getriebene Rentier Buffey, der hinterhältige Kultusminister von Presskopp, die Moral heuchelnde Provinzbaronin von Dunklage und der vertrottelte Vizegefreite Pippich, welcher ihr als Laufbursche dient.
Bois hatte 1952 bereits die Uraufführung des Stücks „Ein Polterabend“ am Deutschen Theater inszeniert. Dem farbigen Kostümfilm, der genregerecht mit beachtlichem Aufwand produziert wurde, drückte er seinen Stempel auf: Mit einem Feuerwerk an Gags und Tricks, bizarren Einfällen und absurdem Humor, charmanten Albernheiten und Wortspielen, hemmungslos überzeichneten Charakteren, Slapstick und Situationskomik entstand eine überbordende Burleske.
Nach dieser Produktion zog Bois, der sich 1950 nach seiner (durch Thomas Mann wesentlich unterstützten) Rückkehr aus dem US-Exil in der DDR angesiedelt und vor allem in Ost-Berlin gearbeitet hatte, in den Westteil der Stadt. „Ein Polterabend“ geriet nahezu völlig in Vergessenheit. Wir zeigen diese Wiederentdeckung nicht nur als Verbeugung vor dem brillanten Erzkomödianten Curt Bois, sondern auch zur Erinnerung an Werner Peters, der hier den Pippich spielte und dessen Geburtstag sich am 7. Juli 2018 zum hundertsten Male jährte.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu dem Film hier und hier.
Wenn Sie mehr über Curt Bois (und natürlich auch diesen Film) erfahren möchten, empfehlen wir Frank-Burkhard Habels 2023 erschienenes Buch Curt Bois – Schauspieler in zehn Jahrzehnten.
Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Filmformat: http://www.defa-stiftung.de/DesktopDefault.aspx?TabID=412&FilmID=Q6UJ9A002L39&qpn=0 (besucht am 24.9.2018), wo allerdings fälschlich statt Farbe „sw“ angegeben wird; https://www.filmportal.de/film/ein-polterabend_07a1ddddc9314fd19c5ccc543030f410 (besucht am 24.9.2018) nennt als Länge ebenfalls 2460 m, allerdings 90 Minuten. Uraufführung, Erstausstrahlung: Berliner Zeitung vom 19.8.1955. Die genannte Website der DEFA-Stiftung führt außerdem auf: DEFA-Fotograf: Gerhard Kowalewski und die oben genannten Figurennamen für Barbara Berg, Eva Brumby, Herbert Köfer, Maximilian Larsen, Johannes Maus, Karl Weber; außerdem wird als Darsteller genannt: Paul Scholz (Baron) und statt Paul Heidemann „Paul Hoffmann“ als Darsteller des Presskopp. Unter der genannten Adresse von Filmportal findet man als Stabmitglied zusätzlich Ernst Kunstmann (Optische Spezialeffekte) und als Darsteller Gerhard Wollner (Hochradfahrer), Teddy Wulff (Heizer), Kurt Sperling (dicker Gendarm), Otto Zedler (1. Spießbüger), Willi Endtresser (2. Spießbürger), Otto Sommer (3. Spießbürger), Deli Buchinski (kokette Dame), Hugo Nillius, Friedrich Wilhelm Dann, Georg Helge, Gustav Püttjer. Georg Dücker, Herbert Mewes-Conti, Curt Bullerjahn, Nico Turoff, Gerda Müller, Friedrich Teitge, Ellen Plessow, Agnes Kraus, sowie die Figurennamen von Leo Sloma, Josef-Peter Burgwinkel, Ellinor Vogel, Reinhold Pasch, Martin Rosen, Trude Lehmann, Marianne Wünscher, Aribert Grimmer, Charles-Hans Vogt. Alle anderen Angaben: Originalvorspann (dort Walter Schultze-Mittendorff aufgeführt als „W. Schulze-Mittendorf“).
Bilder: DEFA-Stiftung/Gerhard Kowalewski.