Berlin-Film-Katalog
(in Vorbereitung)

Rarität des Monats September 2026

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Am 7. September 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):



Bürgschaft für ein Jahr

DDR 1981 – 93 Min. (2545 m) – 35 mm (1:1,37) – Farbe

Regie: Herrmann Zschoche. Szenarium: Gabriele Kotte, frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Tine Schulze-Gerlach. Dramaturg: Tamara Trampe. Kamera: Günther Jaeuthe. Szenenbild: Dieter Adam. Bauausführung: Manfred Böhme, Harald Sill. Requisiten: Günter Nielbock, Andreas Pfeiffenberger. Musik: Günther Fischer. Schnitt: Monika Schindler. Ton: Klaus Tolstorf. Tonmischung: Helga Kadenbach. Kostüme: Anne Hoffmann. Masken: Kurt Tauchmann, Christa Grewald. Assistenzregie: Evelyn Opoczynski. Regieassistenz: Eleonore Dressel. Kameraassistenz: Hans Knospe, Waltraut Pathenheimer. Aufnahmeleitung: Paul Lasinski, Werner Teichmann.

Darsteller: Katrin Sass (Nina Kern), Monika Lennartz (Irmgard Behrend), Jaecki Schwarz (Peter Müller), Jan Spitzer (Werner Horn), Christian Steyer (Heiner Menk), Heide Kipp (Frau Braun), Barbara Dittus (Heimleiterin), Ursula Werner (Frau Müller), Angelika Mann (Renate), Solveig Müller (Jugendfürsorgerin), Gabriele Methner (Fränzi), Dieter Montag (Jürgen Kern), Heinz Behrens (Herr Braun), Uwe Kockisch (Dieter), Werner Tietze (Vorsitzender Jugendausschuß), Peter Bause (Heimleiter), Michaela Hotz (Mireille), Cornelia Förder (Jacqueline), Enrico Robert (René), Trude Brentina (Frau Krampe), Gerd Michael Henneberg (Dr. Heinemann), Dieter Knust (Einlasser), Michael Kann (junger Mann), Werner Kanitz (Mann in Kneipe), Heidemarie Schneider (junge Frau), Roland Seidler (Mann mit Schokolade), Gertraud Klawitter (Vertreterin Jugendausschuß), Burkhard Plettau (Schöffe), Annette Felber (Mutter), Willi Scholz (Direktor Musikschule), Sebastian Reuter (Musikschüler), Bernd Stegemann (Mitglied der Clique), Marie Gruber (Mitglied der Clique), Michael Lucke (Mitglied der Clique), Petra Dobbertin (Mitglied der Clique), Gabor Dorsch (Mitglied der Clique).

Produktion: DEFA Studio für Spielfilme, Gruppe Berlin. Produktionsleitung: Dorothea Hildebrandt.

Erstverleih: Progress.

Uraufführung: 17. September 1981, Suhl, Kulturhaus.


Nina Kern kommt aus dem, was gern „schwierige Verhältnisse“ genannt wird, und die junge Ost-Berlinerin hat diese auch reproduziert: Früh hat sie einen freischaffenden, wenig erfolgreichen Künstler geheiratet, der wie sie dem Al­ko­hol zuspricht und den sie mit einem zweiten Kind zu halten ver­suchte – als sie dann das dritte Mal von ihm schwanger wurde, verließ er sie. Inzwi­schen sind die beiden geschieden, und so wenig er sich um die Kinder kümmert, zahlt er Unterhalt – den Nina aus Trotz und Stolz auch nicht einfordert, obwohl sie in recht pre­kären Verhältnissen lebt. Generell zeigt sie sich immer wieder unfähig, den Alltag für sich und ihren vorpubertären Nach­wuchs zu organisieren; sie besitzt eine äu­ßerst geringe Impulskontrolle oder über­haupt irgendwelche Disziplin. Und wenn ihr bei ihrem Drang „etwas vom Leben zu haben“, ihre Kinder gerade im Wege stehen, vernachlässigt sie diese auch – eher unbedacht als gezielt boshaft.

Folglich wurden der Junge und die beiden Mädchen in ver­schie­de­nen Heimen untergebracht. Nun soll der örtliche Jugend­hilfeausschuß entschei­den, ob Nina das Sorgerecht dauerhaft verliert. Schließlich gibt man ihr, die erklärt, ohne ihre Kinder nicht leben zu können, eine letzte Chance: Sie erhält probe­weise die Jüngste zurück, und zwei ehrenamtliche Mitglieder des Aus­schus­ses – ein Bau­leiter und eine Musiklehrerin – fungieren im Rahmen einer Bürgschaft für ein Jahr quasi als Bewährungshelfer. Während die partner- und kinderlose Lehrerin sich sehr engagiert, wird dem Mann, der Frau und Kinder hat, die Aufgabe bald zu viel, zumal Nina immer wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückfällt und dadurch auch einen äußerst geduldigen, grundsoliden Lebenspartner vertreibt, als ein ande­rer Mann auftaucht, der in ihr mehr Leidenschaft entfesselt, sich aber bald als Hallodri erweist.

Der 1934 geborene DEFA-Regisseur Herrmann Zschoche, der vor allem mit Fil­men über junge Leu­te reüssiert hatte („Liebe mit 16“, „Sieben Sommersprossen“, „… und näch­stes Jahr am Balaton“), inszenierte „Bürgschaft für ein Jahr“ 1981 nach einem Szenarium von Gabriele Kotte, das dem Vorspann zufolge „frei nach Motiven“ aus dem gleichnamigen Roman von Tine Schulze-Gerlach gestaltet ist (Dramaturgie: Tamara Trampe). Bei der Darstellung von Ninas ebenso lebensuntüchtigem wie verantwortungslosem Verhalten hält der Streifen geschickt die Waage: Dieses wird beschrieben, aber nur ansatzweise erklärt und schon gar nicht ent­schul­digt – die  junge Frau erscheint nicht als armes Opfer der Gesellschaft oder irgendwelcher anderer „Verhältnisse“, aber auch nicht als selbstsüchtige Rabenmutter, die nur ihrem Hedonismus frönt.

Unvoreingenommen betrachtet, spricht aus dem Film Ratlosigkeit: Vermutlich wird Nina selbst mit viel Mühe nur schwer zu „erziehen“ und zu „bessern“ sein, womöglich kann man sie nur mit erheblichem Betreuungsaufwand wenigstens davon abhalten, ihre Kinder noch weiter zu schädigen – so man ihr diese nicht doch dauerhaft wegnimmt. Das Ende des Films ist dementsprechend mehr oder weniger offen. Und damit auch die Frage, wie die sozialistische Gesellschaft à la DDR umgehen soll mit solchen Menschen, von denen es – wie hier unumwunden gezeigt wird – nach über dreißig Jahren  „sozialistischem Aufbau“ gar nicht so wenige zu geben scheint.

Zu der Wirkung des Alltagsdramas trug entscheidend die zur Drehzeit 24­jährige Katrin Sass bei, die die schwierige Figur der Nina in einer schau­spielerischen Glanz­leistung der Intention des Films entsprechend verkörperte: Mehr als diese Person zu lieben oder zu verachten, kann man verzweifeln an ihr, die für ihr destruk­tives Verhalten womöglich selbst nichts kann.

Nach seiner Uraufführung im Herbst 1981 wurde der Film in Ost wie West viel beachtet, diskutiert und ausgezeichnet. Katrin Sass erhielt bei der Be­r­li­nale 1982 den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin.


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu diesem Film hierhier und hier.


Dieser Film zeigt ein Stück ungeschminkten Ost-Berliner Alltags, bringt milieuecht den Kiez von Berlin-Mitte und seine Menschen ins Bild.

Heinz Kersten, Der Tagesspiegel vom 25. Oktober 1981




 

Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Filmformat, Darsteller und Rollen,  Uraufführung: https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/buergschaft-fuer-ein-jahr/ (zuletzt besucht am 15.8.2026). Alle anderen Angaben: Originalvorspann.

Photos: DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer.