Rarität des Monats November 2026
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Am 2. November 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):
Heimweh nach Dir
BRD 1952 – 93 Min. (2530 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: R. A. Stemmle. Buch: Aldo von Pinelli. Texte: Günther Schwenn, Aldo von Pinelli. Musik: Heino Gaze. Musikalische Leitung und Bearbeitung: Werner Müller. Es spielt das RIAS-Tanzorchester mit den Solisten M. Kasper, R. Kühn, G. Hampel, E. Werner. Bild: Igor Oberberg. Bauten: Franz Schroedter. Schnitt: Walter Wischnewsky. Ton: Hans Löhmer. Regieassistenz: Werner Riedel. Kostümberatung: Ursula Stutz. Kameraführung: Walter Hrich. Aufnahmeleitung: Karl Gillmore, Fritz Renner.
Darsteller: Margot Hielscher (Marion Peters), Peter Pasetti (Kurt Hellwig), Josefin Kipper (Gretl Fiala), Peter Mosbacher (Walter Schumann), Wilfried Seyferth (Vicky Hanke), Walter Gross (Paulchen Friese), Wolfgang Lukschy (Georg Weiler), Bully Buhlan (Fritz Degener), Rita Paul (Kläre Winter), Käthe Haack (Frau Peters), Emmy Burg (Witwe Zillmann), Martin Held (Direktor Petermann), Paul Esser (Otto Klemke), Renate Feuereissen (Eva Wandel). Und die Polydor-Stars Friedel Hensch und die Cyprys, Liselotte Malkowsky, Rudi Schuricke und Sohn Michael, Sunshine Quartett, Gerhard Wendland, Cornel-Trio, Helmut Zacharias.
Produktion: Melodie-Film. Produktionsleitung: Herbert Uhlich.
Erstverleih: Herzog.
Uraufführung: 24. September 1952, Berlin, Marmorhaus.
Als „der große Berlin-Film“ wurde „Heimweh nach Dir“ Anfang der fünfziger Jahre angekündigt und damit demonstriert, daß es für den westlichen Teil des mittlerweile gespaltenen Deutschlands inzwischen etwas Besonderes war, daß ein Film in der einstigen Reichshauptstadt und Metropole des deutschsprachigen Kinos spielte, die durch die Teilung in eine prekäre Lage geraten und zum Dauerkrisenherd geworden war.
Erzählt wird die Geschichte von fünf Freunden, die Ende der dreißiger Jahre eine Jazzband bilden (wobei von Jazz freilich nur wenig zu hören ist). Doch um groß herauszukommen, brauchen sie eine Sängerin, und bald rivalisieren zwei von ihnen um die Gunst der schönen Frau. Dann wird die Gruppe durch den Krieg in alle Himmelsrichtungen verstreut und verliert sich aus den Augen. Durch diverse Zufälle und auch von Heimweh getrieben, findet man schließlich in Berlin wieder zusammen.
„Heimweh nach Dir“ ist als Zeitdokument sehr interessant: Anfang der fünfziger Jahre wollte ein Großteil des deutschen Kinopublikums keine Trümmer mehr sehen, zumal die Städte noch immer voll davon waren. Deshalb konnte dieser „große Berlin-Film“ kaum Sehenswürdigkeiten oder andere prominente Bauten der Stadt zeigen, waren doch die meisten noch beschädigt oder sogar zerstört (im Vorspann sind denn auch lauter Vorkriegsaufnahmen zu sehen). Von den Ruinen wird einzig die zerbombte Gedächtniskirche ins Bild gerückt. Ansonsten: wenig Beschädigtes wie das Olympia-Stadion, die Waldbühne, der Flughafen Tempelhof und der Funkturm, bereits Wiederaufgebautes wie der U-Bahnhof Wittenbergplatz und das KaDeWe, erste Neubauten wie das Bürohaus an der Ecke Tauentzien- und Ansbacher Straße oder das Hotel Kempinski, neuerrichtete Säle wie beim Prälat Schöneberg und dem legendären Tanzpalast Resi mit seinen Tischtelephonen und Wasserspielen. Nicht von ungefähr sind auch immer wieder die brandneuen Doppeldeckerbusse der BVG (West) zu sehen.
Da sich die Abneigung gegen Trümmer auch auf solche im übertragenen Sinne erstreckte, wird in „Heimweh nach Dir“ so gut wie überhaupt nicht thematisiert, was allen voran die fünf Männer in vierziger Jahren erlebt haben. Alle scheinen den Krieg und die Nachkriegszeit äußerlich wie innerlich unbeschadet überstanden zu haben. Für jene, die es in die Fremde verschlagen hat, ist das größte Problem das Heimweh nach Berlin. Das (Ver-) Schweigen im Film entsprach wohl einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, welches spätestens ab den sechziger Jahren gern als „Verdrängung“ gegeißelt wurde, in Wahrheit aber als völlig übliche Reaktion auf traumatische Erlebnisse erscheint.
Erklärtermaßen wurde der Film (dessen Titel an den damaligen Hit „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ erinnert, der hier auch zu hören ist) als Werbung für Berlin produziert. Doch Berlin assoziierten viele westdeutsche Zuschauer mit der deutschen Teilung, weshalb die Stadt ebenso wie dieses Thema inzwischen „Kassengift“ geworden war (die politische Lage Berlins wird in „Heimweh nach Dir“ denn auch peinlichst ausgespart). Statt als „der große Berlin-Film“ wurde der Streifen daher zum Start als „der große deutsche Musikfilm“ vermarktet, zumal hier eine Reihe damals beliebter Schlagersänger vor die Kamera geholt worden waren sowie das ebenfalls sehr populäre RIAS-Tanzorchester unter Werner Müller, mit so berühmten Solisten wie dem Trompeter Macky Kasper und dem Klarinettisten Rolf Kühn.
Die Rechnung ging auf: Trotz mäßiger Kritiken meldeten westdeutsche Kinos Rekordbesucherzahlen.
„Heimweh nach Dir“ war die erste Produktion der Berliner Firma Melodie-Film, die sich – ihrem Namen gemäß – auf Filme mit Musikeinlagen und Schlagerstars spezialisierte und damit in den Folgejahren einige große Erfolge feierte, allen voran mit den Streifen, in denen Freddy Quinn die Hauptrolle spielte.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu diesem Film hier und hier.
Wer gekonnte Schlager-Arrangements liebt, wird sich unterhalten, zumal nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch glänzend gespielt wird.
H. H., Evangelischer Film-Beobachter Nr. 44/1952
Quellen der filmographischen Angaben: Länge: Film-Echo Nr. 40 vom 4.10.1952. Erstverleih, Uraufführung: Film-Echo Nr. 38 vom 20.9.1952. Figurennamen, Vornamen von Gillmore, Hrich, Löhmer, Renner, Riedel, Schwenn, Stutz, Wischnewsky: https://www.filmportal.de/film/heimweh-nach-dir_bd636227a0ac4e2a93ca9c318d12f0ef (zuletzt besucht am 20.10.2026; dort ferner als Darsteller genannt: Ludwig Linkmann als Leiserkastenmann und Anna Dobra als Petermanns Freundin, als Kameraassistenz Walter Hrich, Johannes Nowak, für Standphotos Karl Lindner, für Bauten auch Karl Weber, als Tonassistenz Reinhold Schell, Arthur Metasch, für Stoff [Filmnovelle] Aldo von Pinelli, Günther Schwenn). Alle anderen Angaben: Originalvorspann.
Photos: DFF.
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