„Berlin-Film-Katalog präsentiert nochmals“
Seit Juni 2012 präsentierte Berlin-Film-Katalog allmonatlich im Weißenseer Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität, im September 2023 zum 120. Mal. Höchste Zeit, auch einmal andernorts zu zeigen, welch reiches Angebot unterschiedlichster Spiel- und Dokumentarfilme aus Ost und West, dem noch nicht geteilten und dem wiedervereinten Deutschland in dieser Reihe bisher schon zu sehen war.
Seit Oktober 2023 wird daher einmal im Monat eine Berlin-Film-Rarität, die vor längerer Zeit im Brotfabrikkino zu sehen war, noch einmal im Anfang Juli 2023 – nach umfassender Renovierung und Modernisierung – wiedereröffneten Cosima-Filmtheater in Friedenau/Wilmersdorf gezeigt. Fester Termin dafür ist der dritte Montag eines jeden Monats, 17.30 Uhr. Es gibt nur eine Aufführung, und diese jeweils mit einer Einführung.
Das Cosima-Filmtheater befindet sich in der Sieglindestraße 10, direkt am Varziner Platz und direkt am S- und U-Bahnhof Bundesplatz, in 12159 Berlin. Eintritt: 8-12 Euro.
Am Montag, 15. Juni 2026 um 17.30 Uhr läuft im Cosima-Filmtheater (mit einer Einführung):
Der Biberpelz
D (Ost) 1949 – 97 Min. (2638 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: Erich Engel. Buch: Robert A. Stemmle. Nach der Komödie von Gerhart Hauptmann. Bild: Bruno Mondi. Bauten: Otto Erdmann. Ausführung: Franz Fürst, Heinrich Weidemann. Kostüme: Walter Schulze-Mittendorf. Musik: Ernst Roters. Ton: Erich Schmidt. Schnitt: Lilian Seng. Aufnahmeleitung: Willi Teichmann. Regieassistenz: Zlata Mehlers.
Darsteller: Werner Hinz (Friedrich von Wehrhahn), Käthe Haack (Regina von Wehrhahn), Fita Benkhoff (Auguste Wolff), Friedrich Gnaß (Julius Wolff), Ingrid Rentsch (Leontine), Edith Hancke (Adelheid), Paul Bildt (Wilhelm Krüger), Bertha Monnard (Adele Krüger), Herbert Wilk (Dr. Fleischer), Erwin Geschonneck (Motes), Emmy Burg (Frau Motes), Franz Weber (Mitteldorf), Werner Peters (Eberhard Schulz), Hans Ulrich (Glasenapp), Alfred Schieske (Wulkow), Walter Bechmann, Gisela Breiderhoff, Elfie Dugal, Gerd Evert, Renate Fischer, Anni Haupt, Friedrich Honna, Hedwig Kohlhoff, Alois Krüger, Otto Lange, Erik von Loewis, Wladimir Marfiak, Hermann Schechert, Ilse Trautschold, Christine Traute Wiere.
Produktion: DEFA. Herstellungsgruppe und Produktionsleitung: Herbert Uhlich.
Erstverleih: DEFA-Filmvertrieb.
Uraufführung: 21. Oktober 1949, Berlin, Babylon und DEFA-Filmtheater Kastanienallee.
So bekannt, daß man die Handlung nicht erwähnen muß – das war Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ nach Meinung der meisten Berliner Kritiker, als 1949 die DEFA-Adaption dieses Stückes ihre Uraufführung erlebte (tatsächlich gehörte es im zwanzigsten Jahrhundert lange Zeit zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen). Ausgiebig wurden daher die darstellerischen Leistungen bewertet, als handelte es sich hier um eine Theaterinszenierung. Dabei hatte der Drehbuchautor R. A. Stemmle – der selbst auch ein erfolgreicher Regisseur war – den Vierakter geschickt zu einem Film adaptiert und die Handlung nicht nur auf entsprechend mehr Schauplätze verteilt, sondern dabei auch manches pointierter und explizit politischer gestaltet, als es Hauptmann einst konnte oder wollte. (Der 1862 geborene Literaturnobelpreisträger war 1946 gestorben.)
Schließlich war die „Diebskomödie“ bei ihrer Uraufführung 1893 schon provokant genug gewesen: Das kriminelle Treiben der in jeder Hinsicht sehr tüchtigen Waschfrau Wolff, Gattin eines phlegmatischen Fischers und Mutter zweier Backfische, wurde nicht gesühnt. Der Amtsvorsteher von Wehrhahn, Herrscher über den kleinen, nicht näher bezeichneten Ort bei Berlin, der Schauplatz des Geschehens ist, wurde als Karikatur eines bornierten Herrenmenschen gezeichnet, ein exemplarisches Produkt des fürchterlichen Obrigkeitsstaates, welcher das deutsche Kaiserreich war. Ebenso aufgeblasen wie dumm, ist Wehrhahn vor allem mit der Verfolgung vermeintlicher Staatsfeinde beschäftigt und hält die gerissene Mutter Wolffen für eine vorbildliche Untertanin. Und dann hatte das Stück auch noch ein unvermitteltes, offenes Ende, was das Publikum ebenfalls verstörte. Daß „Der Biberpelz“ seinerzeit überhaupt aufgeführt werden durfte, ist wohl dem Umstand zu verdanken, daß der zuständige Zensor vom Schlage des Wehrhahn war: Er hielt das Stück für so schlecht, daß er ihm nur wenige Aufführungen prophezeite.
Auch die Filmversion von 1949 provozierte, unter anderem mit der eher untypischen Besetzung der mittlerweile zur Klischee geronnenen Figur der Mutter Wolffen durch Fita Benkhoff. Im Film spricht sie, ebenso wie die meisten anderen Figuren, sehr ausgiebig und überzeugend Berliner Dialekt (wie man es so mittlerweile im Kino und Fernsehen kaum mehr hört). Ihr Leinwanddébut gab Edith Hancke und wurde dafür noch durchgängiger gelobt als der starbestückte Film, den der renommierte Brecht-Intimus Erich Engel – einst unter anderem Regisseur der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ – inszeniert hatte: Obwohl Berlin im Herbst 1949 bereits gespalten war, besprachen auch die meisten Zeitungen aus dem Westsektor diesen DEFA-Film, der wenige Wochen nach seiner Uraufführung dort ebenfalls zu sehen war und im Westen das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ erhielt.
Zwischenzeitlich unverständlicherweise in Vergessenheit geraten, überzeugt er noch heute, fast achtzig Jahre später, als geistreiche, freche Komödie, bei der man sich darüber Gedanken machen kann, welche ihrer Botschaften zeitlos sind. Wir zeigen ihn zum achtzigsten Todestag (6. Juni) Gerhart Hauptmanns.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu dem Film hier, hier und hier.
VORSCHAU: Am Montag, 20. Juli 2026 um 17.30 Uhr präsentieren wir nochmals die Dokumentation Gedächtnis – Ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti, die Bruno Ganz und Otto Sander 1981/1982 über ihre großen alten Schauspielkollegen schufen. Neben diesen mit dabei: Stürmerlegende Fritz Walter.
RÜCKBLICK: Wir präsentierten nochmals im
Oktober 2023: Endstation Liebe (der neue Flyer hier)
November 2023: Das siebente Jahr (der neue Flyer hier)
Dezember 2023: Plastikfieber (der neue Flyer hier)
Januar 2024: Ganovenehre (der neue Flyer hier)
Februar 2024: Ein Polterabend (der neue Flyer hier)
März 2024: Verwirrung der Liebe (der neue Flyer hier)
April 2024: Zwei unter Millionen (der neue Flyer hier)
Mai 2024: Tatort Berlin (der neue Flyer hier)
Juni 2024: Flucht nach Berlin (der neue Flyer hier)
Juli 2024: Zugverkehr unregelmäßig (der neue Flyer hier)
August 2024: Es (der neue Flyer hier)
September 2024: Make Love Not War – Die Liebesgeschichte unserer Zeit (der neue Flyer hier)
Oktober 2024: Wir lassen uns scheiden (der neue Flyer hier)
November 2024: Gejagt bis zum Morgen (der neue Flyer hier)
Dezember 2024: Tätowierung (der neue Flyer hier)
Januar 2025: Hochzeitsnacht im Regen (der neue Flyer hier)
Februar 2025: Rotation (der neue Flyer hier)
März 2025: z.B. ... Otto Spalt (der neue Flyer hier)
April 2025: Berliner Ballade (der neue Flyer hier)
Mai 2025: Lots Weib (der neue Flyer hier)
Juni 2025: Dämmerung – Ostberliner Bohème der fünfziger Jahre (der neue Flyer hier)
Juli 2025: Zwei in einer großen Stadt (der neue Flyer hier)
August 2025: Asphalt (der neue Flyer hier)
September 2025: Leichensache Zernik (der neue Flyer hier)
Oktober 2025: Engel aus Eisen (der neue Flyer hier)
November 2025: Wedding (der neue Flyer hier)
Dezember 2025: Die endlose Nacht (der neue Flyer hier)
Januar 2026: Quartett im Bett (der neue Flyer hier)
Februar 2026: Playgirl (der neue Flyer hier)
März 2026: Kennen Sie Urban? (der neue Flyer hier)
April 2026: Entlassen auf Bewährung (der neue Flyer hier)
Mai 2026: Der Mann im Pyjama (der neue Flyer hier)
Bilder: DEFA-Stiftung/Rudolf Brix.
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